Chakren – Nur Esoterik?! (Pt 1)

Wenn ich vor Jahren das Wort „Chakra“ benutzte, dann meistens im Rahmen eines Witzes. Bis dato kannte ich Chakren als bunte Punkte entlang der Wirbelsäule eines Menschen nur von einem Buch-Cover über Yoga meiner Mutter und mir gefiel der Regenbogen-artige Farbverlauf, den sie dadurch erzeugten. Abgesehen davon, nutzen alle, die ich kannte den Begriff nie oder eben nur als Witz. Chakren waren was für „leichtgläubige Hippies, gerissene Business-Leute oder religiöse Menschen, oder?!“

Als ich im Jahr 2015 die Werke von Carol Tuttle kennenlernte, eröffnete sich mir eine neue Welt: Energy Healing. Was das ist und zu welchem Grad das legitime Techniken umfasst, werde ich in einem späteren Post eruieren. Jedenfalls betrat ich so eine Welt, in der Metaphysik und Esoterik vorkamen und auch die Chakren stattfanden. Ausgestattet mit Vorurteilen, einem kritischen Denken aber auch einer enormen Offenheit solchen Sachen gegenüber, ließ ich mich auf die Techniken und Übungen ein, ohne sie gleich als Wahrheit oder den einzig wahren Weg anzusehen. Je mehr positive Effekte ich von dieser Arbeit bei mir beobachtete, desto neugieriger wurde ich. Da ich an Wissenschaft und den Wert der damit zusammenhängenden Forschungsmethoden und -regeln glaube, fragte ich mich bald, was man aus dieser Perspektive über die Techniken dachte. In diesem Text wende ich mich diesbezüglich den Chakren zu.

Entstehung / Geschichte

Unser allgemeines „westliches“ Verständnis der Chakren weicht teilweise stark von den ursprünglichen Ideen alter Schriftstücke ab, da es auf lückenhaften oder fehlerhaften Quellen basiert. (Das moderne Indien wird tatsächlich auch in die Definition von „westlich“ mit eingeschlossen.) In den alten vedischen Texten Indiens (Hinduismus) wurden die Chakren unter verschiedenen Namen und mit variierender Anzahl erstmals beschrieben. Anschließend gab es auch buddhistische Interpretationen mit eigenen Anwendungsmöglichkeiten und weniger als 7 Chakren. Das 7-Chakren-System, welches heute am weitesten verbreitet ist, stammt wiederum nicht direkt aus den alten Schriften, sondern aus einer Abhandlung, die erst 1577 verfasst und 1918 ins Englische mehr oder weniger korrekt übersetzt wurde.

Funktionsweise und Symbolik:

Anders als in modernen Interpretationen oft beschrieben, „sitzen“ die Chakren der alten Texte nicht irgendwo im Körper. Sie sind nicht einmal als eine existentielle Tatsache oder etwas Reales beschrieben worden! Stattdessen stellten sie Visualisierungen, ursprünglich in Form von Blütenblättern (siehe Bild) dar, die man sich zu gewissen Zwecken an gewissen Orten vorstellte. Man fokussierte seine Gedanken und Gefühle (→ Lebensenergie) anhand von mantrisch wiederholten Silben des Sanskrit-Alphabets (Symbole in Blütenblättern im Bild) darauf, gewisse Ideen und Ideale intern zu verarbeiten oder im Leben zu manifestieren. Der meditative Zustand, den die Mantras auslösten, half dabei.

von l. nach r.: Wurzel-Chakra, Kreations-Chakra, Solarplexus-Chakra, Herz-Chakra, Kehl-Chakra, Drittes-Auge Chakra, Kronen-Chakra

Für diesen Prozess wurde jedem Chakra assoziativ ein großes Element (Erde, Wasser, Feuer, Wind und Raum) sowie eine bestimmte hinduistische Gottheit bzw. mehrere Gottheiten mit ihren in den Religionen festgehaltenen Eigenschaften und/oder Lebensbereichen zugeordnet. Die Interpretationen, dass mit den Chakren Körperdrüsen und -funktionen, Kristalle, Erzengel, Metalle oder Farben et cetera verbunden sind, sind neu. Auch die Vorstellung, dass jeder Mensch einen subtilen Energie-Körper hat, deren Energiezentren die Chakren darstellen, ist nicht Teil der ursprünglichen Werke und auch nicht wissenschaftlich nachgewiesen. Hier folgt einmal eine Übersicht darüber, wie das 7-Chakren-System in der westlichen Welt heute meistens ausgelegt wird:

  1. Wurzel-Chakra = Verbindung zu allem Irdischen: Verwurzelt-Sein, Urvertrauen, körperliche Vitalität, Überlebens-Instinkte, grundlegende Sicherheiten (Element Erde -> yin & yang)
  2. Kreations-Chakra = Innere Welt der Emotionen: emotionale Verdauung/Verarbeitung, Sexualität, Kreativität, Leidenschaft (Element Wasser -> inneres yin)
  3. Solarplexus-Chakra = Innere Welt der Gedanken / Glaubenswelt: Intellekt, Glaubensmuster, Umsetzungs- und Durchsetzungskraft, Mut zu Neuem / Veränderung (Element Feuer -> inneres yang)
  4. Herz-Chakra = Beziehungen zu sich selbst und anderen: Liebe geben und nehmen können, Heilung, Geborgenheit, Verbundenheit, Hingabe, Mitgefühl (Elemente Wind/Luft -> yin & yang)
  5. Kehl-Chakra = Kommunikation & Authentizität: Ausdrücken von Weisheit und Individualität, Mut zur eigenen Wahrheit (Element Äther)
  6. Drittes Auge Chakra = Öffnung zur und Ausdruck der Seele: Wahrnehmung, persönliche Wahrheit, innere Weisheit, Intuition (Element Zeit)
  7. Kronen-Chakra = Spiritualität: Höchste Selbsterkenntnis, eigene/göttliche Bestimmung, Verbindung von Seele und Körper (Element Raum)

Ist das 7-Chakren-System überhaupt anwendbar oder nützlich?

Okay, also die Leute waren sich mit den Chakren nie einig, jetzt machen es die meisten eh anders als es ursprünglich beschrieben wurde und die Farbabfolge, die mir so gefiel, gehörte gar nicht ursprünglich dazu! Warum schreibe ich also jetzt darüber und warum konnte die Arbeit mit ihnen bei mir positive Ergebnisse erzeugen? Nach meinen Recherchen bieten die Chakren für mich persönlich zwei wertvolle Aspekte:

  1. Sie erzählen über Symbolik eine universelle Geschichte (und ich liebe gut erzählte Geschichten und Symbole). Es ist die Geschichte über die wesentlichen Lebenserfahrungen/-bereiche, die ein Mensch erleben kann und wie diese Erfahrungen aussehen können. Außerdem ist die Symbolik aus meiner Sicht poetisch und ästhetisch befriedigend gewählt.
  2. Die Geschichte gewinnt an Wert und Nutzen, wenn man sie wie eine Parabel auf das eigene Leben anwendet und bewusst untersucht / hinterfragt, wie die eigenen, momentanen Lebenserfahrungen in den Bereichen aussehen. Die Chakren helfen mir also, meine eigene Geschichte zu erzählen. Durch dieses (immer wieder neu) reflektierte Selbstverständnis, kann ich authentischere und allgemein bessere Entscheidungen treffen, um so die Wahrscheinlichkeit, ein höchst wünschenswerte Leben zu führen, stark zu erhöhen. Es kann also als Werkzeug zum Reflektieren, Verarbeiten oder Manifestieren von abstrakten Sachverhalten/Empfindungen funktionieren.

Beginnen wir mit dem ersten Schritt und schauen wir uns an, wie die Geschichte erzählt wird. Es werden zwei Mechanismen bedient, die intrinsische und essentielle Teile der menschlichen Wahrnehmung sind. Der erste Mechanismus ist das „Verorten“ (= etwas an einem Ort ein- oder zuordnen) und der zweite Mechanismus das symbolische Erklären von abstrakten Sachverhalten.

Zum Verorten:

Geht es um die Wahrnehmung, so möchte der Mensch die einzeln wahrgenommenen Informationen immer gerne verorten (= einen festen Platz in einem bestimmten Bezugssystem zuweisen) können. Die Intensität von diesem Bedürfnis variiert von Mensch zu Mensch und Situation zu Situation, doch es ist immer bis zu einem gewissen Grad vorhanden. Gibt es ein funktionierendes Bezugssystem, ist das Arbeiten mit in das System einsortierten Informationen leichter, als mit einem Haufen bezugsloser Informationen. Solche ähnlichen Bezugssysteme bieten in einem größeren Maßstab auch Gesellschaftsformen, Religionen und Familien. Auch beim Lernen kann man beobachten, dass man Informationen schneller verarbeiten und sich merken kann, wenn man das übergeordnete System (z.B die Grundregeln der Mathematik, Physik, Literatur, des Fahrradfahrens, der Sportart etc.) verstanden hat und die einzelnen Informationen darin einordnen kann.

Ein System nur um das System Willen ist nicht das Ziel, aber ein System, welches einem persönlich sinnvoll und nützlich erscheint, kann sehr wertvoll sein.

Zum Verwenden von Symbolen:

Beim Wahrnehmen und Kommunizieren vergibt der Mensch der wahrgenommenen Sache immer eine Bedeutung, wobei er auf eine gewisse Interpretation der Sache angewiesen ist. Ein Text, den ich letztens las, nannte den Menschen ein „animal symbolicum“, ein Tier, welches Symbolik verwendet, um die Welt um sich sich herum zu beschreiben. Für unsere Wahrnehmung sind alle Gegenstände unseres Umfelds in gewisser Weise Symbole: gefüllte Wasserflasche = Gegenstand mit dem man Durst löschen kann, Bett = typischer Ort zum Schlafen, Herdplatte = möglicherweise heiß. Weitere Symbole sind aber auch: Kreuz = Christentum, Herz = Liebe sowie Lorbeeren = Sieg/Ruhm.

Verortete Symbole als Chakren

Im Chakren-System sind die Blüten (oder wie auch immer man sie visualisieren will!) Symbole für abstrakte Sachverhalte (entweder Hoheitsgebiete von Gottheiten oder allgemeine Lebensaspekte). Diese Chakren-Symbole sind in unserem Körper so verortet, wie es für die menschlichen Intuition und Wissensstand passend scheint.

Verortete Symbole als Chakren, eigene Zeichnung

Da Menschen grundsätzliche Mechanismen zum Wahrnehmen und Leben gemein haben, ist es keine Überraschung, dass sie, auch wenn sie an verschiedenen Orten und mit verschiedenen kulturellen Hintergründen arbeiten, ähnliche Themen, Assoziationen und Verortungen wählen. Aus diesem Grund sind einige Verortungen der sieben Chakren, denke ich, ziemlich nachvollziehbar. So wird sich zum Beispiel das Kehl-Chakra dort vorgestellt wird, wo Sprache technisch an den Stimmlippen entsteht. Auch das Kronen-Chakra an dem Punkt des Menschen, der dem Himmel am nächsten ist oder das Herz-Chakra über dem Herzen, sind keine überraschenden Symboliken oder Verortungen. Ebenso einleuchtend ist das Kreations-Chakra um den Genitalbereich. Aber auch die Verortung von „Gefühle erleben und verarbeiten“ im Kreations-Chakra ist für mich ein gutes Beispiel dafür, wie der Mensch intuitiv und aus der Beobachtung heraus eine sehr passende Verortung finden konnte, ohne dafür im heutigen Sinne wissenschaftlich forschen zu können. Heute weiß man über den dortigen Magendarmtrakt, dass da hundert Millionen Nervenzellen sitzen, die die Regulierung des vegetativen Nervensystems (unbewusste Regulierung z.B. von Hormonen, Sexualfunktionen, Blutdruck, Atmung, Stoffwechsel → Reaktionen auf emotionale Belastungen oder Entspannungen) beeinflussen. Diese wissenschaftlichen Erkenntnisse beweisen nicht die tatsächliche Existenz des Chakras, sondern dass die Entscheidung, das Chakra an der entsprechenden Stelle zu verorten, passend ist.

Auf der anderen Seite sorgt der örtliche und kulturelle Kontext in dem Symbole entstehen auch oft für Unterschiede. Auch wenn die Ideen um die Chakren in der westlichen Welt Anklang fanden, können viele keine bedeutungsvolle Verbindung zu den Symbolen der Gottheiten oder zu den mantrischen Silben des Sanskrit-Alphabets finden. Ein Symbol hat schließlich nur dann Potenz, wenn es mit einer für uns passenden und relevanten Bedeutung belegt werden kann.

Im nächsten Post zu dieser Reihre schreibe ich dann über Anwendungsmöglichkeiten ohne esoterisches Tamtam 😉 Ich will Esoterik nicht verteufeln – ich habe ja selbst gesagt, dass es mir geholfen hat – aber da der durchaus potente Bereich so wenige professionelle Strukturen und Regelungen kennt, muss man vorsichtig sein.

>> to be continued <<

Grüße, Annika

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