Meine Angst & Panik (Pt 1)

„Welches Buch hat dich letztens am meisten begeistert und warum?“, so die Frage 10 von der Corontäne-Frage-Liste. Ich wusste sofort, welches Buch ich wählen würde. Es hatte gerade ein paar Monate zuvor mein Leben wie durch ein märchenhaftes Schicksal betreten, mein Herz und Hirn explodieren lassen und auch das Leben einiger Mitmenschen berührt. Es heißt „Acceptance and Commitment Therapy for Anxiety Disorders“ oder auf Deutsch „Akzeptanz- und Commitment-Therapie für Angststörungen“ (ich habe es auf Englisch gelesen).

Der folgenden Posts ist der erste in einer 5-teiligen Reihe, in der ich mir die Zeit nehme, die Phänomene „Angst“, „Panik“ sowie „Angst-/Panikstörung“ aus meiner Perspektive zu schildern und meine Herangehensweise an diese Herausforderung zu teilen. Ich habe versucht, das Ganze nicht zusätzlich zu dramatisieren, es kompakt zusammenzufassen und dennoch anschaulich zu beschreiben. Zwischendurch streue ich psychologische Erklärungen und interessantes Hintergrundwissen. Außerdem möchte ich vorher noch betonen, dass meine Geschichte keinesfalls außergewöhnlich ist und Denk- und Verhaltensmuster beinhaltet, die viele Menschen in unterschiedlicher Intensität erleben. Vielleicht erkennt ihr Aspekte auch in eurem Leben wieder. Ich hoffe, dass meine Offenheit bei diesem Thema euch zu neuem Verständnis und Offenheit inspiriert. Ich glaube, dass man keine AngstSTÖRUNG haben muss, um in der heutigen Welt mit Angst und Panik Bekanntschaft gemacht zu haben und nun etwas darüber lernen zu wollen. Wer weiß, welche Türen das öffnet… ❤ #awareness

>> Part 1 <<

„Meine Wahrnehmung & Verhalten als Kind und Teenager“ & „Wieso kann das so verlaufen?!“

>> Part 2 <<

„Erste Schritte des Heilens“

>> Part 3 <<

„Panikattacken“, „Krankenhaus & vorläufige Diagnose“

>> Part 4 <<

„Das Buch über die Awareness Commitment Therapie“

>> Part 5 <<

„Zusammenfassung des Buches“, „Mein Ausblick & Reflexion“

>> find below <<

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Angstzustände: Wahrnehmung und Verhalten in der Kindheit und Jugend

Mein Erleben von Angst und Panik ist in seinen Mustern nichts Außergewöhnliches und vergleichbar mit den Gefühls-, Denk- und Verhaltensmustern von vielen anderen. Wie immer hat jeder aber seine ganz eigene Geschichte und Trigger-Themen. Meine Angst-/Panikstörung kommt mit der Geschmacksrichtung „Hypochonder“. Ein Hypochonder ist jemand, der sich davor fürchtet und dann sofort davon überzeugt ist, Krankheiten (z.B. Krebs) oder körperliche Defizite in der Funktionsfähigkeit (z.B. Nierenversagen) zu haben.

Wahrnehmung

Seit der Grundschule hatte ich zunehmend regelmäßig bei physischen Reizen (z.B. einem Ziehen im Magen-Darm-Bereich, einem Kopfschmerz, einer kribbelnden Hand oder erhöhter Herzschlag) Angst oder sogar Panik, ich hätte eine Blinddarm-Entzündung, einen Hirntumor, eine Unterversorgung an Nährstoffen oder würde gleich in Ohnmacht fallen und nie wieder aufwachen. Das Gefühl unterschied sich von der akuten Angst vor einem großen Hund, der auf einen zu rannte oder auch von der Angst vor einem tiefen Abgrund, an dem man entlang ging. Es ließ mich nicht nur in der Theorie überlegen: „Was wenn?“, sondern fühlte sich mit Auftreten der Möglichkeit/Angst sofort an, als wäre der Horror schon eingetreten.

Das Gefühl rauschte wie eine heiße Welle kribbelnd durch meinen Kopf, meinen Körper herab und setzte sich mit einem Rumsen und absoluter Gewissheit hart in der Magengrube fest. Ausgelöst wurde das oft auch, wenn ich die Schmerzen, Ängste oder Ähnliches von anderen durch Zuschauen oder Erzählt-Bekommen empathisch miterlebte. Auf das Gefühl folgten direkt weitere Symptome, wie Schwindel, Atembeschwerden, Schweißausbruch, unsichere Beine und ein flatteriger, übler Magen, schwacher Rücken sowie Gedanken gegenüber meinem Körper, wie: „Ich habe da bestimmt einen Tumor. Menschen haben Tumore, auch junge Menschen. Das weißt du ja nicht, bis es zu spät ist. Was, wenn sich da gerade eine Entzündung entwickelt? Das wird unendlich schmerzen und vielleicht nie wieder vollkommen heilen, wenn du nicht jetzt gleich reagierst. Ich glaube, mein Körper kann die Nährstoffe gar nicht aufnehmen oder richtig verarbeiten! Sie waschen einfach durch dich durch und ich werde vielleicht daran sterben! Trotzdem es mir faktisch gut geht, scheint das alltägliche Leben für mich anstrengender zu sein als für andere: irgendetwas stimmt also nicht mit mir! Ich brauche Hilfe, ich schaffe das nicht, alleine zu durchstehen!“

Ich versuchte meist, mich nicht in diese Gedanken und Gefühle hineinzusteigern (Teufelskreis: Angst → Symptome → mehr Angst → mehr Symptome), wobei ich nicht immer erfolgreich war. Jedes mal, wenn die interne Stimme anfing auf mich einzureden, versuchte ich sie krampfhaft zu ignorieren, zu übertönen oder mit Argumenten zu beruhigen. Dieser Prozess konnte manchmal Stunden andauern und fand irgendwo in meinem Hinterkopf statt. Wenn es besonders schlimm war, ging ich zu meinen Eltern. Mama gab mir generelle Rückendeckung und half mir im Alltag, mit meiner Angst oder trotz meiner Angst mein Leben zu führen. Zu Papa ging ich, wann immer es besonders schlimm war und ich dachte, allerlei Krankheiten zu haben, da er eine gute Portion medizinisches Wissen durch seinen Beruf mitbrachte und psychologisch mit meinen Hypochonder-Gedanken gut umging, sodass ich „wieder runter kam“.

Aus meiner Sicht hatte ich sowieso ständig irgendetwas: tausend Allergien, Asthma, alle möglichen Zahnfehlstellungen und 8 Jahre drei verschiedene Spangen, oft Kreislaufprobleme, ständig Tinnitus, Magen-Darm-Schmerzen und dann in Wellen irgendwelche Entzündungen und all die tausend Kleinigkeiten, die so klein waren, dass ich mich heute nicht mehr erinnere, die mich damals aber auf Trab hielten. Für die vielen kleinen körperlichen Beschwerden waren mir banale Erklärungen nie plausibel genug – „So einfach ist das Leben nicht“. Wirkliche Krankheiten kamen bei mir, aus heutiger Sicht, gar nicht öfter vor als bei anderen. Dennoch war es meine Beobachtung, dass andere durchschnittlich immer vitaler und gesünder schienen als ich. Da ich keine Gesetzmäßigkeiten feststellen konnte, nach denen es mir in manchen Situationen schlecht ging und in anderen nicht, musste der Fehler, meiner Logik nach, bei mir liegen – ich war irgendwie körperlich kaputt/schwach.

Verhalten

Da die Angst jederzeit wie ein Gift in jeden Bereich meines Lebens fließen konnte, blieb ich von einigen, für mich offensichtlich „riskanten“ Situationen fern, die meist durch ein Fehlen von kontrollierbaren Sicherheiten gekennzeichnet waren. Außerdem hatte ich immer einen kleinen Stoffbeutel mit Medikamenten und Notfallmitteln in meiner Tasche sowie eine Wasserflasche. Aber auch das war kein Garant für seelischen Frieden. Jeder unangenehme physische Reiz war, egal in welchem Kontext, ein Trigger und solche, die ich anschließend nicht sofort schlüssig auf etwas Harmloses zurückführen konnte, lösten einen internen „Überlebenskampf“ mit den Angst/Panik-Gedanken und -Gefühlen aus. Um nachts meinen Gedanken gar nicht erst zuhören zu müssen, gewöhnte ich es mir bald an, entweder zu lesen oder Radio sowie die Harry Potter Hörbücher zum Einschlafen zu hören, bis ich vor Erschöpfung ins Kissen fiel.

In Retrospektive für mich oder aus der Distanz für euch ist natürlich sofort deutlich: das war keine nachhaltige oder gesunde Lebensweise und -einstellung. Da ich mich immer nur bei spezifischen Ängsten um Krankheiten und Unterfunktionen meines Körpers an sie wandte, blieb ihnen das meiste verborgen. Wenn ich mich an sie richtete, dann sprachen wir darüber, dass ich manchmal Hypochonder-artige Angstgedanken hatte und sie kümmerten sich sehr gut darum. Darüber hinaus schien ich durch meine guten Lebensbedingungen, meine Willenskraft, Offenheit und Bildung trotz der Ängste „viel zu lebensfähig“! Ich machte die meisten normalen Sachen mit, konnte fröhlich sein und Spaß haben. Ja okay, vielleicht war ich sensibel und empathisch, mochte Kontrolle und war ein kleiner Hypochonder, aber vollkommen gestört sah mein Verhalten auf den ersten Blick und vielleicht auch auf den zweiten Blick nicht aus. Trotzdem erlebte ich intern viele schöne Erlebnisse als Himmel und Hölle zugleich. Oft nahm ich an etwas Teil, von dem ich wusste, dass es mir eigentlich Spaß machte, wollte aber nach einiger Zeit wieder aus der Situation raus, da ich emotional von meinem internen Widerstand-Leisten erschöpft war und die Angst langsam Überhand nah. Also warum zur Hölle tat ich mir das an und fragte nicht um Hilfe oder wenigstens um Aufmerksamkeit?!?

Ich machte das immer und immer wieder, weil dachte, das dies mein einziger Weg ist, überhaupt Spaß zu haben. Seitdem ich klein und unbedarft war, hatte ich aus meinen Lebenserfahrungen (vor allem von Beobachtungen meines Umfelds) unbewusst abgeleitet, dass das Leben endlich ist, man nie sicher sein kann und die daraus resultierende Angst daher ein fixer, intrinsischer Teil von mir und dem Leben ist und nie weggehen oder sich verändert wird. Meine Optionen waren also folgende: mich also im Haus verstecken und sicherer fühlen oder ins Leben gehen und zu möglichen Freuden, Angst/Unwohlsein/Symptome in Kauf nehmen – „Suck it up!“. Ich sah keinen anderen Weg. Das Denken, dass man keine Wahl hat ist ein Mechanismus, den bei fast alle Menschen beobachten kann: „Ich hatte keine Wahl. Es ist halt so wie es ist. So funktioniert das Leben eben. So bin ich halt.“. Tja! Falsch gedacht!

Wieso kann das so funktionieren?

Jeder Mensch bildet sich durch eigene Erfahrungen und Beobachtungen der Umwelt Definitionen über sich, das Leben und die Beziehung zwischen dem Ich und der Umwelt. Besonders prägend sind dabei die Kindheit und Jugend, in denen man wie ein Schwamm enorm aufnahmewillig ist. Auf Grundlage seiner Definitionen und Vorstellungen entwickelt man über die Zeit Lebenseinstellungen und Verhaltensmuster. Je nach dem wie funktional diese sind, bleiben sie bestehen oder werden durch neue ersetzt. So weit so gut. Wie ich aber eben an meinem Beispiel schon beschrieben habe, kann es auch sein, dass Einstellungen und Verhaltensmuster zu funktionieren scheinen, obwohl sie weder gut noch gesund sind. Manche Dinge scheinen also so lange zu funktionieren, bis sie es plötzlich nicht mehr tut und einem das Ganze mehr oder weniger um die Ohren fliegt. Wie kann so etwas passieren?

Aus rein evolutionären Gründen ist der Mensch darauf ausgelegt, Gewohnheiten und Verhaltensmuster für immer wiederkehrende, simple Aufgaben im Leben zu entwickeln, um mehr Hirnkapazitäten für unbekannte oder komplexere Probleme zu haben. Man bleibt also bei einem Verhaltensmuster bis einem das Leben durch Unannehmlichkeiten wie körperliche Schmerzen oder jedweden Schaden zeigt, dass es ab sofort nicht mehr funktionsfähig genug ist. Dabei hat das Verhalten seine anstrebenswerte Funktionsfähigkeit vielleicht schon vor Monaten oder Jahren verloren! Entweder legt man es also darauf an, dass einem Unannehmlichkeiten zeigen, wann man den Kurs wechselt oder man sorgt durch bewusstes und ehrliches Reflektieren/Fragen dafür, selbst auf Erkenntnisse zu kommen, die wenigstens größte Schäden oder Schmerzen vorbeugen. Je nach dem wie komplex oder tief im Unbewusst-Sein eine schlecht funktionsfähige Verhaltensweise verbuddelt ist, desto leichter oder schwieriger ist das Herausfinden der Kernproblematik. Und je nach dem wie groß diese einzelnen Erkenntnisse sind, desto mehr können sie und dessen Folgen sich wie ein „Erwachen“ anfühlen, so wie ich es im einleitenden Absatz erwähnt habe.

< to be continued >

Grüße, Annika

Ein Kommentar zu „Meine Angst & Panik (Pt 1)

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